KERRY JAMES MARSHALL
KERRY JAMES MARSHALL
Ein Text von Amely Shirin Schmitt
Seit ich in Basel wohne, gehe ich nicht mehr so häufig ins Kunsthaus Zürich. An diesem Tag war ich jedoch eigentlich für eine Recherche auf dem Weg in die Lygia-Clark-Ausstellung. Als ich mein Ticket kaufte, empfahl mir der Mitarbeiter an der Kasse, ich solle unbedingt noch in die Kerry James Marshall Ausstellung gehen.
Auf seine Empfehlung hin ging ich also im Anschluss rüber in den Neubau. Ich hatte keine Erwartungen oder überhaupt eine Ahnung, was auf mich zukommen würde.
Doch vom ersten Moment an, als ich den Raum betrat, war ich begeistert. Die riesigen, bunten Gemälde ziehen einen sofort in ihren Bann; man hat fast das Gefühl, Teil von ihnen zu sein.
Ich wusste erst gar nicht, wo ich anfangen sollte. Ich ging von Gemälde zu Gemälde, wieder zurück, blieb eine Weile davorstehen und entdeckte mit jedem Blick neue Details. Die expressiven Farben, die Motive und die schiere Grösse der Werke machten unheimlich viel mit mir, ich hätte wohl vor jedem Bild mindestens 30 Minuten verweilen können.
Die Ausstellung selbst war konsequent minimalistisch gehalten, ein klassischer White Cube, der vollständig in den Dienst der Werke gestellt wurde. Keine zusätzliche Inszenierung, keine überladene Rahmung. Teilweise hatten die riesigen Leinwände gar keine Rahmen. Die grossformatigen Gemälde stehen für sich, und das mit einer enormen Präsenz: durch ihre schiere Grösse, die Intensität der Farben und die lichtdurchfluteten Räume. Diese Reduktion war eine bewusste kuratorische Entscheidung. Die Bilder brauchen keinen Kontext, der ihnen vorausgreift. Sie sprechen laut genug für sich.
Die Bilder in den ersten Räumen zeigten vor allem Impressionen aus dem alltäglichen Leben der afroamerikanischen Community: im Barbershop, im Schwimmbad, im Beautysalon. Was mich an diesen Szenen besonders fasziniert hat: Die Gemälde zeigen die ganz normalen Seiten ihrer Lebensrealität. Das ist, wie ich gelernt habe, ein zentraler Punkt in Marshalls Arbeit. Oft werden Schwarze Menschen in der Kunst oder in den Medien fast ausschliesslich in grausamen Situationen, als Opfer von Gewalt oder in Armut dargestellt. Indem man sie immer nur im Kontext von Leid zeigt, verschwindet ihre eigentliche Kultur und Individualität, das Bild, das man von ihnen hat, wird auf den Schmerz reduziert und die Gewalt dadurch eigentlich nur reproduziert. Marshall bricht das eindrücklich auf. Er gibt der Community ihre Sichtbarkeit im Alltag zurück und zeigt, dass ihre Geschichte eben nicht nur aus Trauma besteht, sondern aus einer tiefen, lebendigen Normalität.
Ich lief weiter in den nächsten Raum und bestaunte aufmerksam alle Bilder. Vor allem ein Gemälde machte mich sofort emotional: „Portrait of Nat Turner with the head of his master».
Hintergrund: Nat Turner war der Anführer eines der folgeträchtigsten Sklavenaufstände in der US-Geschichte. Sein Handeln ist bis heute ein Symbol für den radikalen Widerstand gegen die Grausamkeit der Sklaverei.Marshall zeigt Turner mit dem abgetrennten Kopf seines weissen „Besitzers». Ich finde dieses Bild so krass, weil es so viele moralische Fragen aufwirft. Einerseits ist es barbarisch und zeigt Gewalt, die ich im ersten Moment intuitiv verurteilen möchte. Andererseits stelle ich mir die Frage: Wann ist Gewalt gerechtfertigt? Wenn Gewalt der einzige Ausweg ist, um sich aus grausamer Unterdrückung und systematischer Brutalität zu lösen, kann ich sie nicht verurteilen.

Bildlegende:
Abb.1: Kerry James Marshall, De Style, 1993, Los Angeles County Museum of Art, purchased with funds provided by Ruth and Jacob Bloom. Foto by Jack Hems
Abb.2: Kerry James Marshall, PORTRAIT OF NAT TURNER WITH THE HEAD OF HIS MASTER, 2011, private Collection, Courtesy David Zwirner. Eigene Aufnahme



