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NATURE NEVER LOSES

NATURE NEVER LOSES


Museum Tinguely: CARL CHENG – NATURE NEVER LOSES, Ausstellungsbesuch 25.04.26

Ein Text von Dominik Jost

Alles rund um Natur interessiert mich. Vor allem die künstlerische und gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit Natur, ihren Materialien, Prozessen und ihrer Beziehung zu uns Menschen empfinde ich als spannend. Der Ausstellungstitel «Nature never loses» holte mich also direkt ab. Kritisch, direkt und irgendwie auffordernd. Welche Geschichte erzählt das gute Museum Tinguely diesmal? Wer ist Carl Cheng und was hat er gemacht? Ich möchte erfahren, inwiefern die Natur immer die Gewinnerin ist und wie es um uns Menschen in diesem vermeintlichen Kampf steht. 

Das Museum Tinguely kenne ich wahrscheinlich seit dem Alter als ich noch keinen Buntstift selber halten konnte. Die automatische Zeichnungsmaschine, die mit Buntstiften zufällige Striche auf Papier malt, ist das mir wohl bekannteste Werk aus der Sammlung von Tinguely. Heute weiss ich, es gibt mehr als nur quietschende Maschinen und zappelnde Figuren in diesem Haus. Der Eintritt in die Ausstellung – zu meinem Studentenglück gratis! – ist klar signalisiert, Zutritt barrierefrei. Die ikonische Passerelle mit Blick auf den Rhein ist immer die Anfangs-Schneise jeder Ausstellung. Meistens wird eine Biografie, ein Chronologischer Verlauf oder eine Art künstlerische Ideologie präsentiert. Welchen Einstieg erwartet mich heute, wenn ich um die Ecke in den langen lichtdurchfluteten Gang gehe? 

Tatsächlich nichts. Kein Bild, kein Text, nur die nackte Fassade aus Aluminiumlamellen und den schlagartigen Temperaturunterschied zur Aussenwelt von gefühlten +20 °C. Von weitem nehme ich eine leise Stimme eines älteren Mannes wahr.


«Dear fellow human beings, We are all part of nature. Everything we experience is nature. Whether we live in harmony with nature, nature doesn’t care. Nature is everything. Nature always wins, and nature never loses.»

Mit diesem Statement, klingend aus zwei mickrigen Lautsprechern, betrete ich schliesslich die Ausstellungsräume. Ein Booklet liefert Informationen über den Saal und die Werke, sogar mit übersichtlichem Grundriss! Die Ausstellung ist minimalistisch angeordnet. Viel White Space. Die Exponate, hauptsächlich Bilder und Fotografien sowie kleine laborartige Maschinen und Schaukästen, sind prägnant ausgeleuchtet und positioniert. Ich laufe durch den Korridor und sehe mir alle Kojen an und stelle fest: Carl Cheng hat eine aussergewöhnliche Perspektive auf Natur und deren Vergänglichkeit. Er zeigt mit wissenschaftlichen Tools und gegensätzlichen Materialien wie der Mensch die Natur formt und umgekehrt. Kleine technische Installationen veranschaulichen faszinierende Prozesse, wie in einem Bio-Lab. Es entsteht ein Diskurs zwischen Mensch, Natur und Maschine.

Am Ende des Korridors verweile ich am längsten. Ein grosses Treibhaus zieht mich in seinen Bann. Ich mag alles an Treibhäusern, egal ob sie in Museen oder Gärten stehen. Neben der abgefahrenen Ästhetik der Hohlkammerplatten, staune ich über die bezaubernde Inszenierung von unzähligen Naturalien im Innenraum des Treibhauses. Ich würde die Objekte als Schalen von Hülsenfrüchten identifizieren, aber ehrlich gesagt keine Ahnung.

Ich erkunde die beiden weiteren Geschosse über die sich die Ausstellung erstreckt und stosse auf weitere Apparaturen, geheimnisvolle Objekte und grossformatige Fotografien, wobei die Präsentation sehr klassisch museal bleibt und kaum Immersion schafft. Zum Schluss treffe ich auf eine raumausfüllende Sandfläche wie eine Mondlandschaft, geformt als elektronische Platine. Insgesamt ein toller Eindruck und eine vielfältig visuelle Erfahrung, obschon mir die haptische Interaktion mit beispielsweise den diversen Materialien von Carl Cheng etwas gefehlt hat.

Inwiefern also «nature never loses» habe ich durch die Kunstwerke selber nicht erfahren, aber der Mensch scheint einen beträchtlichen Aufwand zu leisten, mit technischen Mitteln die Natur zu verstehen und herauszufordern.  

Bildlegende:

Abb.1: Blick von ausserhalb des Treibhauses durch die Hohlkammerplatten des Werks „Avocado Laboratory“ (1998 – 2024)

Abb.2: Das Werk „Supply & Demand“ (1972 – 2016) inszeniert auf einem Podest mit Kunstrasen.

Abb.3: Close-up des Werks „Anthropocene Landscape #1“ (2006) zeigt eine Anordnung von Platinen als Illusion einer Luftaufnahme von Ackerland.

Abb.4: Blick ins Innere des Treibhauses mit Sicht auf die Inszenierung der Naturalien des Werks „Avocado Laboratory“ (1998 – 2024)

Abb. 5: Das Werk „Early Warning System“ (1967 – 2024) in Kombination mit einer grossformatigen Fotografie.

Abb.6: Die raumfüllende, mondlandschaftsähnliche Sandfläche des Werks „Human Landscapes“ (2022 – 2025).

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