Demokratie zwischen Sammlungsstücken: Eine Intervention im Museum Luzern
Demokratie zwischen Sammlungsstücken
Eine Intervention im Museum Luzern
Ein Text von Elin Hess
Was wiegt Demokratie? Dieser Titel weckte bei mir sofort Erwartungen. Bei meinem Besuch im Museum Luzern war ich gespannt, wie ein Museum, welches Naturkunde und Historie vereint, dieses hochaktuelle politische Thema zeigt. Was ich für eine klassische Sonderausstellung hielt, entpuppte sich als Intervention in die Dauerausstellung. Die elf Stationen sind als thematische Inseln direkt in die Sammlungen integriert und als Upcycling-Projekt aus Bestandteilen vergangener Ausstellungen gestaltet.
Das Museum Luzern bespielt zwei markante historische Gebäude für Historie und Natur. Mein Rundgang startete im Natur-Teil, wo ich ein Booklet ausgehändigt bekam, das als Lageplan und Stimmabgabe-Tool dient. Das Heft leitet bei jeder Station in das Thema ein, verbindet es mit den Exponaten, ergänzt Hintergrundwissen und schlägt die Brücke zur Politik.
Da ich das Museum gezielt für die Intervention besucht habe, konzentrierte ich mich primär auf diese Posten und weniger auf die eigentliche Dauerausstellung. Die eckigen, schwarzen, mit postenspezifischen Farben versehenen Module heben sich klar von den historischen Exponaten ab. Die Platzierung ist meist so gewählt, dass Besuchende förmlich über sie stolpern. Stark ist die inhaltliche Verknüpfung, da beispielsweise inmitten präparierter nordischer Vögel die Frage aufgeworfen wird, ob die Natur eigene Rechte besitzen sollte. Diese Frage wird im Booklet über den ersten Schweizer Grönlandforscher hergeleitet und schlägt gekonnt die Brücke zur heutigen Politik. Die Abstimmung erfolgt analog: Der Zettel wird in eine von zwei Glasvitrinen („Ja“ oder „Nein“) geworfen, was den Stand der Meinungen physisch sichtbar macht. Interaktive Screens ergänzen teilweise die Informationen bei den Modulen.
Trotz der Inszenierung fiel mir auf, dass nur wenige Besuchende aktiv mit den Posten interagierten. Ein Grund könnte die hohe Textlastigkeit sein, denn ohne das Booklet, erschliesst sich die Tiefe der Fragen kaum. Dabei berühren diese den Kern unseres Zusammenlebens. So wird thematisiert, was es bedeutet, wenn das Schweizer Volk entscheidet, Angehörige einer Religion in ihrer Ausübung einzuschränken. Was wiegt mehr, Volksrecht oder Religionsfreiheit? Solche Impulse machen die Schwere des Themenfelds greifbar, gehen jedoch im Vorbeigehen fast unter.
Ein kritischer Punkt ist die räumliche Situation. Um die Posten gibt es oft wenig Platz und kaum Sitzmöglichkeiten. Das ist schade, denn die Fragen sind prädestiniert dafür, Diskussionen auszulösen. Wenn das Museum schreibt, es gäbe „selten ein klares «Ja» oder «Nein», aber es gibt Meinungsbildung und lebhafte Auseinandersetzung “ (Museum Luzern, n.d.), dann fehlt mir das physische Angebot für die Konversation. Meinungsbildung ist für mich oft mit Austausch verknüpft, und dafür bräuchte es im Museum Möglichkeiten, die zum Verweilen und Diskutieren einladen. So bleibt die Frage, was Demokratie wiegt, für mich zwar intellektuell beantwortet, aber räumlich noch schwer fassbar.


Abb. 1: Station 9 über Bienen. Foto von Elin Hess.
Abb. 2: Abstimmungsvitrine über „Volksrecht oder Religionsfreiheit“. Foto von Elin Hess.
Abb. 3: Digitaler Screen mit Meinungen von Schulkindern bezüglich Bildung. Foto von Elin Hess



